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Unser Schulbesuch an der ORI – der städtischen schulartunabhängigen Orientierungsstufe

Vor ein paar Wochen habe ich nun endlich meine letzte Examensprüfung hinter mich gebracht und habe damit so ganz allmählich auch wieder Zeit für andere Themen. Da kam mir der BLLV-Newsletter mit seinem Angebot für Studierende gerade recht: Dort stand etwas von der Möglichkeit eines Schulbesuchs in der städtischen schulartunabhängigen Orientierungsstufe in München-Neuperlach. Diese Schule wollte ich mir unbedingt ansehen. Eine bayernweit einzigartige Schule, die Schülern nach der Grundschule zwei Jahre mehr Zeit gibt, sich für eine weiterführende Schulart zu entscheiden. Dass das funktioniert, habe ich zu meiner eigenen Schulzeit erlebt. Ich besuchte damals nämlich ein Gymnasium ganz in der Nähe der Orientierungsstufe und in der 7. Klasse bekamen wir plötzlich drei neue Schüler in unsere Klasse: aus der ORI. Aber wie funktioniert das? Und wie ist so eine Schule organisiert?

Auch persönliche Gründe bewogen mich dazu, an diesem Schulbesuch teilzunehmen. Mein Sohn besucht momentan die 3. Klasse, das heißt: Nächstes Jahr wird das Thema Übertritt auch für uns aktuell. Und in den letzten Wochen bekam ich viel mit von befreundeten Eltern von Viertklässlern, die diese Entscheidung jetzt zu treffen hatten. Da ist beispielsweise meine Nachbarin, deren Sohn den Schnitt fürs Gymnasium zwar erreicht hat, die aber sehr unsicher ist, ob er dem Druck gewachsen sein wird und ihn eigentlich eher auf der Realschule sieht. Eine Mutter, deren Tochter nur Einser nach Hause bringt, meinte, das läge aber in erster Linie an den viel zu leichten Proben ihrer Grundschule. Sie hatte ebenfalls große Sorgen vor einer herben Enttäuschung für ihre Tochter am Gymnasium. Dann auf der anderen Seite ein Vater, dessen Sohn ich als sehr intelligent und aufgeweckt kenne, der aber Probleme mit schulischen Tests hat, eine schwierige Familiensituation und obendrein im Januar fast einen Monat lang krank war, so dass sein Notendurchschnitt ihn jetzt der Mittelschule zuordnet. Aber kann man denn tatsächlich nach der vierten Klasse, aufgrund eines Notendurchschnitts, der aus drei Fächern gebildet wird, eindeutig entscheiden, welche Schullaufbahn die richtige für ein 10-jähriges Kind ist? Aus den Diskussionen der Eltern höre ich auf jeden Fall viel Angst und Unsicherheit heraus.

Und auch die Kinder höre ich miteinander reden: „Auf welche Schule willst du gehen?“ „Auf die, auf die mein bester Freund auch geht.“ „Ich will auf die, wo’s am wenigsten Hausaufgaben gibt.“ „Ich will auf die Realschule, weil da hab ich den kürzesten Schulweg.“ Ich höre zu und frage mich: Kann man von einem 10-Jährigen erwarten, dass er eine vernünftige Entscheidung treffen kann, wie seine weitere Schullaufbahn aussehen soll? Dass er überhaupt versteht, was diese Entscheidung für ihn bedeutet? Dass er eine konkrete Vorstellung vom Unterschied zwischen den drei Schularten und ihren Schwerpunkten hat?

Und dann gibt es da eben die ORI, eine schulartunabhängige Orientierungsstufe, die den Schülern (und ihren Eltern) zwei Jahre mehr Zeit verschafft, diese Entscheidung zu treffen. Wie macht sie das? Wie wird die Schule der großen Heterogenität gerecht? Wie bereitet sie gleichzeitig auf alle weiterführenden Schularten vor?

Neben mir stellten sich auch fünf weitere Studentinnen diese (oder ähnliche) Fragen und so wurden wir am 18. Mai von einem sehr freundlichen Herrn Baumann, dem Schulleiter, empfangen. Es war deutlich zu merken, dass er mit viel Engagement und Herzblut hinter seiner „Schule der besonderen Art“ – ja, so wird sie ganz offiziell bezeichnet – steht. Er führte uns zunächst in ein geräumiges Lehrerzimmer, in dem jede Lehrkraft ihren eigenen Arbeitsplatz hat. Das ist sehr wichtig, erklärte uns Herr Baumann, da, vor allem im Zuge des Ganztags, immer mehr Zeit an der Schule verbracht wird und die Lehrer die Möglichkeit haben müssen, viel Arbeit in der Schule erledigen zu können. Außerdem hat das Lehrerzimmer einen abgetrennten Bereich, in dem sich die Lehrkräfte eines Faches und einer Jahrgangsstufe regelmäßig zum Austausch zusammensetzen können, um ihren Unterricht inhaltlich aufeinander abzustimmen. Das ist notwendig, um die Anschlussfähigkeit der Schüler und ein Wechseln zwischen verschiedenen Kursen zu gewährleisten.

Die ORI wurde 1986 in München-Neuperlach gegründet und bietet seitdem unterschiedlichsten Schülerinnen und Schülern zwei Jahre mehr Zeit zur Orientierung. Das Schulgebäude teilt sie sich mit der Städtischen Werner-von-Siemens-Realschule und dem Werner-von-Siemens-Gymnasium. Das ist insofern ganz praktisch, da so viele Schüler nach den zwei Jahren auf der ORI zwar die Schule wechseln, aber im selben Schulgebäude bleiben können.

Aufgenommen werden gemäß einer festgelegten Quote Kinder mit allen vier Eignungsstufen: Viertklässler mit Gymnasial-, Realschul- oder Mittelschuleignung sowie Kinder, deren Notendurchschnitt unter 3,66 liegt. So entstehen jedes Schuljahr zehn sehr heterogene 5. Klassen. Die Schüler werden dann zunächst bis Weihnachten gemeinsam im Klassenverband unterrichtet. Danach werden sie für die Fächer Englisch und Mathematik in Kurse eingeteilt. Je nach Leistung besuchen sie dann den A-, B- oder C-Kurs. In diesen Kursen werden die Kinder dann auch mit Mitschülern aus den Parallelklassen gemischt. Es ist jedoch so, dass jeweils zwei Klassen für diese Fächer drei Lehrkräfte zur Verfügung stehen, so dass die Klassenstärke in diesen Fächern deutlich geringer ist. Vor allem in den leistungsschwachen C-Kursen arbeitet eine Lehrkraft dann meist nur mit etwa 15 Kindern zusammen.

Die Einteilung in A-, B- oder C-Kurs ist jedoch keinesfalls endgültig. Jeweils zum Zeugnistermin haben die Schüler die Möglichkeit, den Kurs zu wechseln, und zwar in beide Richtungen. Kinder, die überfordert sind, wechseln in einen einfacheren Kurs und Schüler mit überdurchschnittlich guten Leistungen, können „aufsteigen“. Ähnlich funktioniert es mit der Einführung der 2. Fremdsprache zu Beginn von Klasse 6 für Schüler, die einen Übertritt aufs Gymnasium anvisieren. Nur Kinder, die zu diesem Zeitpunkt in Englisch den A-Kurs besuchen, fangen überhaupt mit einer 2. Fremdsprache an. Stellt sich dann heraus, dass die 2. Fremdsprache sie völlig überfordert, wird sie wieder abgelegt, bevor Druck und Frustration ihnen den Schulalltag verleiden.

Dieses Kurssystem hat einige Vorteile für die Motivation der Schüler. Tatsächlich bestätigten mir bei unserem Besuch einige Lehrer, dass viele Kinder einen regelrechten Ehrgeiz entwickeln, in einem Kurs aufzusteigen. Andrerseits ist auch der Wechsel in einen „niedrigeren“ Kurs nicht so schlimm und demotivierend. Schließlich ist es im Gegensatz zu „normalen“ Schulen nicht gleich die ganze Schule, die aufgrund von zu schlechten Leistungen gewechselt werden muss, sondern nur ein Fach, in dem das Kind „absteigt“.

Auch im Fach Deutsch wird der Unterricht an der ORI meist von zwei Lehrern begleitet. Die unterrichten dann entweder gemeinsam eine Klasse oder aber sie teilen sie in zwei kleinere Gruppen auf. Nach welchen Kritikpunkten diese Aufteilung erfolgt (nach Leistung, nach Geschlecht, per Zufall,…) bleibt dabei den Lehrern selbst überlassen.

Zunächst war ich ein wenig entsetzt, als ich die zugegebenermaßen kleinen Klassenzimmer der ORI sah. 30 Kinder in einem Raum, der gerade genug Platz für alle Bänke, ein Pult und vielleicht noch ein schmales Regal bietet. Vielleicht bin ich aber als angehende Grundschullehrerin auch ein wenig verwöhnt, was die Vorstellung von der Einrichtung eines Klassenzimmers angeht. Als wir jedoch die Möglichkeit bekamen, Unterricht in den Klassen zu beobachten, stellte ich fest, dass das Konzept trotz der kleinen Räume gut funktioniert. Außerdem gibt es ja einige Fächer (Mathe, Englisch oder Deutsch), in denen die Klassen aufgeteilt sind und somit geringere Gruppenstärken aufweisen.

Sehr interressant finde ich auch den Umgang mit dem Thema Hausaufgaben an der ORI. Herr Baumann erzählte uns, dass dieses Thema vor allem die Lehrkräfte lange Zeit Nerven gekostet hatte. Viele Kinder erledigten ihre Arbeiten gar nicht oder nur unvollständig und das ewige Hinterherlaufen zermürbte Lehrer und Schüler mehr, als dass es half. Deshalb gibt es jetzt festgelegte Wochenplan-Stunden im Stundenplan der 5. Klassen, in der die Schüler unter der Aufsicht von zwei Lehrkräften ihre Hausaufgaben erledigen. Alle arbeiten so konzentriert für sich in Stillarbeit und können bei Problemen direkt bei einem Lehrer Hilfe finden.

Herr Baumann erzählte uns, dass er bereits mehrfach um den Erhalt seiner „besonderen Schule“ kämpfen musste. Auch für mich ist diese Schule unbedingt erhaltenswert. Sie bietet nicht nur vielen Kindern die notwendige Zeit, um die Entscheidung über die richtige Schulart nach diesen zwei Jahren Orientierung besser treffen zu können, sondern fängt auch viele schwierige Fälle auf: Flüchtlingskinder, Kinder aus schwierigen Verhältnissen, usw. Auch der Andrang ist jedes Jahr hoch: Die Schule erhält regelmäßig mehr Anmeldungen als neue Schüler aufgenommen werden können. Letzten Endes ist es aber vor allem der Erfolg, der dem einzigartigen Schulkonzept Recht gibt. Mithilfe der ORI gelingt es jedes Jahr über 60% der Schülerinnen und Schüler ihre aus der Grundschule mitgebrachte Eignung zu verbessern.

Ich danke dem BLLV für die Möglichkeit, einen so guten Einblick in diese interressante Schule erhalten zu haben und Herrn Baumann für sein Engagement und die Zeit, die er sich für uns genommen hat. Meiner Meinung nach sollte es viel mehr solche Schulen geben.

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Eindrücke aus dem Blockpraktikum

Drei Semester Lehramtsstudium habe ich nun hinter mir und ich muss zugeben, dass ich immer wieder Schwierigkeiten, Zweifel und Sorgen mit dem Studium verbinde. Gerade jetzt wo ich ein ganzes Jahr keinen Schullaltag erlebt habe und das letzte halbe Jahr nicht mal Seminare zur Grundschulpädagogik im Stundenplan hatte. Ich habe völlig den Bezug dazu verloren, was ich eigentlich machen möchte, wofür ich mich durch dieses Studium kämpfe.

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Uff.. Das hat mich nachdenklich gestimmt.

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Veröffentlicht in Lehrerbildung, Staatsexamen

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Seit Wochen lebe ich in einer anderen Welt als alle anderen Menschen. Ich treffe niemanden mehr aus der „normalen“ Welt, ich unternehme nichts mehr, komme kaum noch raus. Warum? Ich schreibe im März mein 1. Staatsexamen.

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Veröffentlicht in Motivation, Rituale

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Doch dieses Jahr ist es irgendwie anders.

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